Was ist ein Archiv?
Archive sind Einrichtungen zur Verwahrung von Schrift-, Bild-, Ton- oder anderem elektronisch aufgezeichnetem Datenmaterial auf Dauer. Träger sind die verschiedenen staatlichen und nicht-staatlichen Einrichtungen, der Bund, die Länder, die Kommunen, Öffentlich-rechtliche Einrichtungen, Verbände, Vereine, auch private Institutionen usw. Im Prinzip haben die meisten Bürger ebenfalls ein kleines, weniger institutionell organisiertes "Archiv", in dem Steuerbescheide, Kaufverträge, Versicherungsscheine, andere wichtige Papiere und persönliche Aufzeichnungen aufbewahrt werden.
Die Anfänge des Butzbacher Stadtarchivs
Zu einem früheren Zeitpunkt muß auch das Archiv der Stadt einmal recht klein gewesen sein.
Die Stadt Butzbach hatte allerdings seit den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens als Stadt ein Archiv. Die Sammlung aller wichtigen, für später, auch für die nachfolgenden Generationen eventuell noch notwendigen Urkunden und Akten ist im Laufe der Jahrhunderte auch in Butzbach zu einem Bestand aus Papier- und Pergamentbänden und Lose-Blatt-Sammlungen zusammengewachsen. Dieser Bestand nimmt Hunderte von Metern auf den Regalen des Archivs ein. Ein Teil dieser Akten gehört zu den Alt-Registraturen der verschiedenen Ämter der Stadtverwaltung. Er untersteht nicht direkt der Aufsicht des Stadtarchivs.
Bereits in den ältesten bekannten Butzbacher Stadtrechnungen werden Hinweise auf die Anfänge oder den Vorläufer eines städtischen Archivs gegeben.
Als die Verwalter des städtischen Akten- und Urkundenmaterials kommen zunächst die beiden jährlich neu gewählten Bürgermeister in Frage, die für die Führung des Stadthaushaltes verantwortlich zeichneten und bereits von daher einen Zugriff auf die Rechnungen haben mußten. Ihnen zur Seite stand jedoch recht früh als städtischer Beamter der Stadtschreiber. - Zu den Aufgaben des städtischen Stadtschreibers ausführlicher E. Otto, Butzbach im Mittelalter (Aus Butzbachs Vergangenheit. Festschrift zur Sechshundertjahrfeier der Stadt Butzbach, hrsgg. vom Butzbacher Geschichtsverein, Heft 3, Gießen 1922), S.23.
So erwähnt ein Ausgabeposten der ältestem Stadtrechnung von 1371/72 das stattliche Jahresgehalt des lateinisch notarius civitatis genannten Stadtschreibers: "Item 3 phuend heller notario civitatis" (Stadtarchiv Butzbach, Abt. XV, Abschn. 7 b, Konv.1, Fasz.1, Bl.16r).
Die wichtigeren Schriftstücke der Stadt waren vermutlich zu diesem Zeitpunkt an dem sichersten Ort innerhalb der Bürgergemeinde untergebracht. An diesem Ort wurde in späteren Jahren nachweislich der Geldschatz der Stadt deponiert: in der Sakristei der Städtischen Pfarrkirche St. Markus. - 1504 befand sich der Geldschatz der Stadt in der Sakristei der Markuskirche (erwähnt bei E[duard]. Otto, Die Wehrverfassung einer kleinen deutschen Stadt im späteren Mittelalter [d. i. Butzbach]. In: Zeitschrift für Kulturgeschichte 4 (Hrsg. G. Steinbach, 1897), S.54-93, 155-176, hier S.168:) "Zu Anfang des genannten [d.h. 16.] Jahrhunderts besaß die Stadt einen Schatz von 550 fl., der in der Sakristei der Markuskirche verwahrt wurde. Dieser ward 1504 "in not sachen der von Butzbach des herezogs vnsers gnedigen herrn von Hessen vßgeben". - Darauf weist ein weiterer Ausgabevermerk einer der frühen Stadtrechnungen aus den 1390er Jahren hin, der lautet:
"Item ummb eyn sloß vor den sch[r]ank in der gerbekammern 7 angliche."[1]
Der Geldbetrag von 7 Englisch war notwendig für ein Schloß am Schrank der Stadt in der Sakristei (der Kirche).
Bereits die Stadtrechnung von 1415 erwähnt die Anschaffung eines Schlosses für die Urkundenkiste auf dem städtischen Gerichtshaus. "Item 3 bohemsche(n) vor ey(n) malslosch zcu der briffe kiste(n) uff dem spijlhuse." (Stadtarchiv Butzbach, Abt. XV, Abschn. 7 b, Konv.3, Fasz.6, Bl.34v).
Der Urkundenbestand des Stadtarchivs wuchs: Die Erwähnung einer neu angefertigten Kiste, in der die Urkunden aufbewahrt werden sollten, ist in der Stadtrechnung von 1419 nachzulesen: im Mai 1420 erhielt ein Schreiner den Auftrag, eine Truhe (Lade) für die Urkunden (Briefe) herzustellen. Der Eintrag lautet: "Item 2 tornosen dem kistenner vor eyn laden zcu den briffen." Stadtarchiv Butzbach, Abt. XV, Abschn. 7 b, Konv.3, Fasz.9, Bl.34r).
Die wichtigste Urkunde der Stadt, der sogenannte "Freiheitsbrief" von 1368, der alle wichtigen Rechte und Pflichten der Stadtgemeinde gegenüber dem Stadtherrn von Falkenstein vertraglich festlegt, wurde aus Sicherheitsgründen im Original nicht in Butzbach aufbewahrt. Man übergab ihn wohlweislich der Obhut des Frankfurter Stadtrats, da die Butzbacher befürchteten, die für sie recht günstigen Privilegien durch Zugriff des nahen Stadtherrn zu verlieren. Deshalb besitzen wir nur eine beglaubigte Abschrift von 1461.
Urkunden und Akten der Territorialstadt
Die Urkunden und Akten der Territorialstadt Butzbach, die vom späten 14. bis zum 19. Jahrhundert etwa 1500-2000 Einwohner aufwies, wurden dem Anschein nach immer sorgsam gehütet. Deshalb zeichnet sich unser Stadtarchiv in vielen Bereichen besonders durch seine Aktenvollständigkeit aus. Anscheinend haben kein Großbrand oder in Kriegszeiten keine Soldaten größere Aktenbestände zerstört. Nur wenige ältere Aktenvernichtungen sind bekannt. Das städtische Archiv war wohl seit dem 16. Jahrhundert in einem Raum des Rathauses untergebracht. Geschichtsschreiber des 17. Jahrhunderts haben bereits die Butzbacher Stadtrechnungen gekannt und benutzt, so Johann Justus Winckelmann, von dem eine Stadtbeschreibung erhalten ist.
Besonders wertvoll und bekannt sind gerade diese Butzbacher Stadtrechnungen, die bis in das Jahr 1371 zurückreichen. Insgesamt fehlen danach lediglich 40 Jahresrechnungen. Es gibt nach meiner Kenntnis im deutschsprachigen Raum keine Kleinstadt, die über eine vergleichbare Vollständigkeit in ihren Rechnungsreihen verfügt. Die Bedeutung der Butzbacher Rechnungen für die moderne Forschung wurde bereits vor etwa 100 Jahren erkannt, als der junge Oberrealschullehrer Eduard Otto an die hiesige Schule kam. Eduard Otto hat sich in kürzester Zeit in die einmaligen Archivbestände der Stadt eingearbeitet, Karteien erstellt und eine Doktorarbeit über die Bevölkerung der Stadt Butzbach im Mittelalter vor allem anhand der Stadtrechnungen verfaßt. Weitere umfangreiche Aufsätze folgten und gehören bis heute zu den Standardwerken hessischer Stadtgeschichte.
Dr. Eduard Otto, der später Ehrenbürger der Stadt Butzbach wurde, gehörte zu den geistigen Wegbereitern des im Jahre 1900 gegründeten Butzbacher Geschichtsvereins, dessen Vorstandsmitglieder Otto Weide senior, Gymnasialprofessor Ludwig Horst und Friedel Möller in den folgenden Jahrzehnten das Stadtarchiv betreuten.
Das Stadtarchiv blieb bis zum Jahre 1913 weitgehend ungeordnet. Da der Wert der Archivbestände aber auch vom zuständigen Hessischen Staatsarchiv in Darmstadt erkannt worden war, konnte eine völlige Neuordnung des Stadtarchivs in Darmstadt durchgeführt werden. Der Darmstädter Kammerdirektor a.D. Karl Theodor Christian Müller nahm 1913/14 diese Neuordnung und Verzeichnung vor. Bereits im Jahre 1913 konnte eine erste Abteilung des Stadtarchivs in den feuersicheren Räumen im Erdgeschoß der Michaeliskapelle, dem ehemaligen Gebeinhaus, aufgestellt werden.
Im gleichen, spätgotischen Gebäude befand sich seit 1906/1907 das neue Altertümer- und Trachtenmuseum des Butzbacher Geschichtsvereins. Über viele Jahrzehnte standen in den Erdgeschoßgewölben der Kapelle auf sehr hohen Holzregalen die wertvollen historischen Archivbestände unserer Stadt. Allerdings bereitet die Feuchtigkeit dieses Gebäudes bis heute den Nutzern große Probleme. Dennoch stehen hier auch zum jetzigen Zeitpunkt viele - allerdings jüngere - Akten der Stadt. Sie sollen irgendwann in den kommenden Jahren in das neue Stadtarchiv überführt werden.
Das Stadtarchiv heute
Die ungeeignete Aufbewahrung der Archivalien in der Kapelle und die Raumprobleme des Museums führten in Butzbach bereits in den 50er und 60er Jahren zu ersten Überlegungen, einen neuen geeigneten Standort für die beiden historischen Einrichtungen zu suchen.
In den 50er und 60er Jahren stand das Stadtarchiv unter der ehrenamtlichen Leitung von Friedel Möller, bis 1970 ein erster Arbeitsvertrag mit Herrn Günther Rode abgeschlossen wurde, der bis 1974 vor allem die Verzeichnung, Verpackung und Neuaufstellung der Rechnungsbestände der Stadt, des Kugelhausfonds und des Hospitalfonds vornahm.
Unter Günther Rode, der aus gesundheitlichen Gründen aus dem Amt scheiden mußte, begann genaugenommen die moderne Archivgeschichte Butzbachs. Dieser Weg wurde konsequent von seiner Nachfolgerin, nun als Leiterin von Stadtarchiv und Museum, Frau Elisabeth Johann, weiterbeschritten und in jeglicher Hinsicht fachmännisch verbreitert. Unter Frau Johann trat das Stadtarchiv durch viele Veröffentlichungen, durch Ausstellungen und durch einen ehrenamtlichen Mitarbeiterkreis zum ersten Mal kontinuierlich in das Rampenlicht der Öffentlichkeit.
Spätestens seit der Überführung der letzten historischen Archivbestände von der Michaeliskapelle in den Bürgerhauskeller litt auch das 1970 eingerichtete Stadtarchiv unter einer bedrückenden Raumnot, so daß die Forderung nach größeren Archivräumen immer nachdrücklicher erhoben wurde.
Nach längerer Diskussions- und Planungsphase nahm die bauliche Neugestaltung des Museums und Archivs seit 1990 konkrete Formen an. Ein historisches Gebäude, das ehemalige Solms-Braunfelsische Amtshaus, und ein angefügter Neubau sollten auf insgesamt 1100 qm Raum für die aus diesem Anlaß neu zu ordnenden historischen Bestände bieten. Im Sommer 1993 konnten die neuen Räume des Stadtarchivs bezogen und im Winter 1993 eingeweiht werden.

