19.06.2017

1817: Jahr der großen Hungersnot – Ausbruch des Tambora und seine Folgen

1816 spielte das Klima nicht nur in Westeuropa total verrückt: Chaotische Wetterverhältnisse, Missernten und dadurch bedingte Hungersnöte waren die Folgen. Das Jahr 1816 ging in Westeuropa und Nordamerika als “Das Jahr ohne Sommer” in die Annalen der Geschichte ein. In Europa wie in Nordamerika schneite es im Sommer, in Europa führte dies z.B. zur erstmals hier auftretenden Kartoffelfäule, womit das Hauptnahrungsmittel vollständig ausfiel.

Ein Originaldokument aus Butzbach zum Hungerjahr (1816-) 1817 ist ein gedrucktes Dankgebet von 1817, das an die ungeheure Not und die Teuerung in ganz Westeuropa 1816/1817 erinnert.

Erst die Ernte im Spätsommer 1817 beendete die große Hungersnot und die unglaubliche Teuerung, aber auch in den folgenden Jahrzehnten war ganz besonders Westeuropa immer wieder durch Ernteausfall von Hungersnöten getroffen. Niemand konnte sich erklären, warum sich in folgenden Jahren der Himmel regelmäßig im Sommer mit riesigen eisigen Wolken verdunkelte, warum der heimatliche Boden nicht mehr die Menschen nähren konnte. Die Kartoffelfäule zerstörte für Millionen Menschen in Europa die Ernährungsgrundlage. Epidemien grassierten, allein halb Irland wanderte nach Amerika aus. Niemand wusste, dass ein Vulkanausbruch im fernen Indonesien Auslöser dieser Katastrophe von ungeheurem Ausmaß war. Es handelte sich um den Ausbruch des auch heute noch aktiven Tambora auf der Insel Sumbawa im April 1815. Eine etwa 49 Kubikkilometer große Staubwolke umzog seitdem über viele Jahre die Erdkugel. Der Ausbruch des Tambora 1815 war der größte Vulkanausbruch, der jemals von Menschen dokumentiert wurde.

Die Freude und der Dank an Gott in Frankfurt ist durch eine Zeichnung überliefert: Der erste vollbeladene und feierlich eingebrachte Wagen mit Feldfrucht der Ernte des Jahres 1817 (vor genau 200 Jahren).

Hungersnot und Teuerung führten zu einer Verarmung breiter Schichten. Im heutigen Hessenland versuchten die Landbewohner, ihrer weiterer Verarmung und ihrem Hungertor durch den neuen Erwerbszweig des „Überlandgehens“ zu entgehen. Ihre im Winter selbst gefertigten Naturprodukte (u.a. Besen, Fliegenwedel, Holzteller, Schmuckkästchen) versuchten sie im Sommer auf langen Wanderungen als Hausierer im „Ausland“ zu verkaufen. Beim Hausieren wurde mit verschiedenen Instrumenten musiziert, die mitgenommenen Kinder hatten beim Anpreisen der schön verzierten Armutsprodukte dazu Lieder zu singen und zu tanzen. Den hessischen „Besenmädchen“ (oder „hurdy-gurdy-girls“) hing schon bald nach ihrem Auftreten in den großen Städten Europas oder Amerikas der Makel an, auch der Prostitution nachzugehen, erst recht, wenn sie es schafften, mit kleinen oder großen Reichtümern wieder in die alte Heimat zurückzukommen. Viele entschieden sich aber dann, nachdem sie andere Länder kennengelernt hatten, in die „Neue Welt“ auszuwandern. – Aufgrund des Klimawandels und der deshalb folgenden Hungersnöte wanderten Hunderttausende Menschen in Irland, England und Deutschland aus Verzweiflung vor allem nach Amerika aus.

Selbst bei den nach großen Hungersnöten europaweit aufbrechenden Revolutionen von 1830/1831 und 1848/1849 wird die gigantische gespenstische dunkle Schmutzwolke des Tambora-Vulkans als einer der konkreten Auslöser angesehen.

Der am kommenden Donnerstag, 22. Juni 2017, ab 19.00 Uhr, stattfindende Lichtbildervortrag von Dr. Dieter Wolf im Museum der Stadt Butzbach, Färbgasse 16, dürfte einen weiteren interessanten Einblick in die ersten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts ermöglichen. – Der Eintrittspreis beträgt 3,50 Euro

Veranstalter: Magistrat der Stadt Butzbach, Museum