19.03.2018

Das Jahr der Revolte – Frankfurt 1968

Ostern vor 50 Jahren: In Frankfurt eskaliert die „Enteignet Springer!“-Kampagne. Tausende demonstrieren im Frankfurter Gallus und versuchen die Auslieferung der „Bild“ –Zeitung zu verhindern. Die Fassade des von über 350 Polizisten geschützten Springer-Hochhauses wurde mit Steinen und brennenden Fackeln beworfen. Kraftfahrzeuge wurden in Brand gesetzt, Scheiben gingen zu Bruch, Wasserwerfer traten in Aktion. Es war ein Aufruhr mit Szenen, wie sie inzwischen weltweit beinahe alltäglich geworden sind. Damals, im ersten Jahrzehnt des voll entwickelten Fernsehzeitalters und in der bis dahin so friedlichen Bundesrepublik, beeindruckten diese Bilder ungeheuer und bewegten die Menschen. Vorausgegangen war am Gründonnerstag das Attentat auf Rudi Dutschke, für viele stand der Schuldige sofort fest, der Verleger Axel Springer.

Die Bewegung der 68er hat in keiner anderen deutschen Stadt solche Spuren hinterlassen wie in Frankfurt am Main. Grund genug für einen Rückblick auf das Jahr 1968 in Frankfurt: Am nächsten Donnerstag nehmen uns der langjährige „Frankfurter Rundschau“-Redakteur Claus-Jürgen Göpfert und der Grünen-Politiker Bernd Messinger mit in eine bewegte Zeit.

Bernhard Messinger

Gemeinsam haben sie ein Buch über jenes Jahr geschrieben, das vor fast einem halben Jahrhundert das Leben in Deutschland grundlegend veränderte. Mehr als 20 Zeitzeugen haben sie dafür befragt und damit ein lebendiges Frankfurter Kaleidoskop gestaltet. Denn dezidiert geht es den Autoren um die Frankfurter Perspektive der großen 68er-Rebellion. Unter den Befragten sind der Schriftsteller Peter Härtling, KD Wolff, der ehemalige Vorsitzende des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, oder auch der Politiker Daniel Cohn-Bendit.

Claus-Jürgen Göpfert

In Frankfurt, einem der Zentren der studentischen Bewegung ging es, so Göpfert, intellektueller zu als an anderen Orten. Hier lehrte Adorno und hier lebte der intellektuelle Kopf der Bewegung, Hans-Jürgen Krahl – der berühmte “Robespierre von Bockenheim”. Und hier war das Zentrum des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, hier gab es wichtige Anfänge der Frauenbewegung. In Frankfurt wurde der Weiberrat gegründet, die erste Gruppe von Frauen, die keine Männer mehr dabei haben wollte.

Nach der 68er-Revolte gewannen Themen wie kulturelle Offenheit, Emanzipation, Gleichberechtigung von Homosexuellen oder die Überwindung nationalstaatlichen Denkens kontinuierlich an Bedeutung. Eine Generation besetzte über Jahrzehnte die Themen der Aufklärung und Weltoffenheit. Und jetzt gibt es plötzlich einen Bruch, manche dieser erkämpften Werte scheinen nun wieder in Frage gestellt zu werden.

Wenn man 1955 geboren wurde wie Claus-Jürgen Göpfert, dann war man 1968 noch zu jung, um dieses denkwürdige Jahr als politisch Handelnder zu erleben. Ein offenes, neugieriges Gemüt vorausgesetzt, ist man mit 13 aber durchaus alt genug, zu bemerken, wenn in der Welt um einen herum etwas geschieht, was es noch nie gegeben hat: wenn Menschen sich zu Tausenden zusammenfinden, um für Rechte zu demonstrieren, von denen man vorher noch nie gehört hatte. Sich auflehnen gegen Dinge, die einem bislang selbstverständlich schienen – gegen schweigende Väter zum Beispiel, altbackene Moralvorstellungen, rigide Autoritäten und gegen alte Nazis in neuen Führungspositionen.

Und manchmal braucht es 50 Jahre, bis die Schleier sich lichten. Bis eine differenzierte und unideologische Darstellung von Zeitereignissen möglich wird, die weder ein konservatives Feindbild pflegt noch die Revolutionäre verklärt. Manchmal braucht es einen Chor der Stimmen, um der Seelenlage eines ganzen Landes auf die Spur zu kommen und die oft übers Ziel hinausschießenden Handlungen an den Rändern des politischen Spektrums zu verstehen als einander bedingende Reaktionen. So zeichnen die Autoren ein detailreiches und lebendiges Bild einer Zeit, deren Nachwirkungen unsere Gesellschaft bis heute prägen.

Am kommenden Donnerstag, den 22.März um 19:00 Uhr im Museum der Stadt Butzbach, Eintritt VVK 8,-, AK 10,- Euro.