26.01.2018

Natalie Liebknecht, die Nichte Friedrich Ludwig Weidigs

Der Geschichtsverein für Butzbach und Umgebung e.V. lädt ein zu einem Bildvortrag von Dagmar Storck am Mittwoch, 31. Januar 2018 um 20 Uhr im Katholischen Gemeindehaus Butzbach. Gäste sind herzlich willkommen.

In den schweren Geburtswehen der deutschen Sozialdemokratie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts stärkt eine Frau dem gebürtigen Gießener Wilhelm Liebknecht den Rücken, Natalie Liebknecht, die Nichte des Butzbacher Freiheits – kämpfers Weidig. Am 19.Juli 1835 wird Natalie Wilhelmine Reh in Darmstadt geboren. Ihre Mutter ist die Butzbacherin Caroline Weidig, die 1824 in der Butzbacher Markuskirche Theodor Reh, einen jungen politischen Mitstreiter ihres Bruders Friedrich heiratet. Er stammt aus einer angesehenen Darmstädter Familie. Materiell mangelt es Natalie an nichts, die Familie gehört zu den Bessersituierten der Stadt.

Natalie entwickelt sich zu einer hoch -gebildeten, selbstbewussten jungen Frau, sprach -begabt und sehr an Kulturellem interessiert. Im nahegelegenen Hause der Familie Büchner verkehrt sie oft, sie ist eine enge Freundin von Sophie, der Frau des Büchner Sohnes Ludwig. Zur Unter -stützung der südwestdeutschen demokratischen Bewegung machen die beiden führenden Sozialisten August Bebel und Wilhelm Liebknecht auf ihrer Wahlkampftour am 16. März 1868 in Darmstadt halt. Ludwig Büchner lädt am Abend zu einer Gesellschaft auf die Darmstädter Ludwigshöhe ein. Eine Einladung geht auch an Sophies Freundin Natalie. Ein schicksalhafter Tag für die knapp 33jährige. Ein schwerer „Findungsprozess“ beginnt.

“Mit voller Hingabe für den Sozialismus”

August Bebel hat das Ende wunderbar beschrieben: „Liebknecht machte in diesem Wahlkampf die einzige Eroberung (…), im übrigen zogen wir als die Geschlagenen nach Hause“. Zur Verlobung gratulieren Onkel Wilhelm und Cousine Emma Weidig, die Natalie oft in Gießen besuchte. Die Trauung in Darmstadt findet am 30. Juli 1868 statt. Von nun an durchlebt und durchleidet sie an der Seite ihres Mannes mehr als drei an Kämpfen und Verfolgungen reiche Jahrzehnte. Wilhelm Liebknecht hat sein Leben 1897 rückblickend sehr gut auf den Punkt gebracht:„Sozialist, Journalist und ehrlicher Mann – das ist eine dreifache Anwartschaft auf Armut“. Natalie hat den schwereren Teil zu tragen, ihr Mann ist mehrfach in Haft, im Reichstag als Abgeordneter, zu Vorträgen im In – und Ausland oder durch Ausweisung von seiner Familie getrennt. 1879 sind noch sechs Kinder zu versorgen, was Natalie quasi als „Alleinerziehende“ bewältigt.

Sie ist eine unglaublich starke Frau, die mit ihren Aufgaben wächst. Mit vielen hervorragenden Männern und Frauen der deutschen und internationalen Arbeiterbewegung und des Kultur – und Geisteslebens steht sie im Gedankenaustausch. Auch die Freundschaft mit der Familie Marx und Friedrich Engels in London pflegt sie weiter. Von dort kommt manchmal finanzielle Unterstützung. Der reichbebilderte Vortrag erinnert an eine für uns alle bedeutende Zeit deutscher Geschichte, so an den Leipziger Hochverratsprozeß, Bismarcks Sozialistengesetz, den Kampf gegen Ausbeutung und für Frauenrechte und die Entstehung des 1.Mai als Feiertag, denn all das ist untrennbar mit Natalies Leben verbunden.