20.07.2018

Vor 170 Jahren: Revolution in Butzbach

Vor 170 Jahren, im März 1848, erhoben sich in ganz Europa viele unzufriedene Menschen, die – trotz längst veränderter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen – sich oft noch in die seit dem Mittelalter erstarrten Abhängigkeitsverhältnissen einpassen  mussten.

Sie begehrten mehr Freiheiten und forderten durch Taten der Verantwortlichen eine Aussicht auf ein besseres Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Es kam mit der Revolution von 1848/1849 zu politisch umwälzenden Ereignissen, die nun auch in Butzbach zum wiederholten Male aufgegriffen und der Öffentlichkeit im Museum der Stadt Butzbach frisch aufbereitet und angemessen präsentiert werden. – Wir müssen uns vergegenwärtigen, dass unsere heutige deutsche Demokratie in wesentlichen Punkten auf den Errungenschaften der demokratischen Revolutionsbewegung von 1848/1849, die eng mit der ersten Deutschen Nationalversammlung, dem Frankfurter Paulskirchenparlament, und der dort entstandenen Verfassung verbunden ist, basiert. Leider ist diese erste deutsche Demokratie bereits im Jahr 1849 gescheitert. Erst 1919 sollte mit der Weimarer Verfassung wieder an die 1848/1849 entwickelten freiheitlichen Verfassungsgedanken angeknüpft werden, bis auch sie durch die Faschisten ausgehebelt wurde und erst nach 1945 zu neuem Leben erwachte.

Die Graphiksammlung A. W. Heil

In Butzbach selbst wurde mit dem Wirken des Lehrers Dr. Friedrich Ludwig Weidig (1791-1837) ein Stück früher deutscher Demokratiegeschichte mitgeschrieben. Die Schüler Weidigs trugen die Ideen eines demokratischen Rechtsstaates, dessen Rahmen durch eine freiheitliche Verfassung vorgegeben sein sollte, über den schmerzlichen Tod ihres verehrten Lehrers im Darmstädter Arresthaus im Geheimen weiter. – Den ehemaligen Schülern des großen Freigeistes Weidig bescheinigte Wilhelm Schulz, Abgeordneter im Frankfurter Paulskirchenparlament, dass die Mehrzahl von ihnen „zu den bestgestählten Demokraten im Hessenlande gehört“.

Die ganze vom Lehrer Weidig über Jahrzehnte geistig stark geprägte Bevölkerung Butzbachs verfolgte das, was sich in Europa und Deutschland in den Jahren nach 1837 politisch veränderte, mit großer Aufmerksamkeit und erkannte im März 1848 als die Zeit der Erhebung und der Revolution. Butzbach stand 1848/1849 regelrecht „kopf“, war einer der Hauptorte der revolutionären Bewegung im Rhein-Main-Gebiet.

Am 20. Juni 1848 forderte Kreisrat Küchler in Friedberg die großherzogliche Regierung auf, gegen die Demokraten, die sich besonders in Butzbach ganz wild gebärden, energisch vorzugehen. “Es wächst uns sonst die Anarchie über den Kopf!“

Nun engagierten sich Weidigs Schüler für die neu entstandenen freien Zeitungen (darunter auch der freie Stadt und Landbote Butzbach), für die Volksbewaffnung und bildeten eine an Köpfen starke Bürgerwehr, um die demokratischen Ideale umzusetzen. Zu ihrer Bewaffnung wurden Sensen gerade geschmiedet und Gewehre angeschafft, Paraden und Probeschießen veranstaltet. – An den späteren Kämpfen in Südwestdeutschland haben dennoch nur einzelne Butzbacher als Freischärler teilgenommen. Aus drangvollen jungen Revolutionären waren inzwischen gesetzte Familienväter geworden, die den Gedanken der Freiheit zwar im Kopf mit sich trugen, die aber auf dem Schlachtfeld nur wenig beisteuern konnten, da sie auch gegenüber Frau und Kindern Verantwortung zeigen mussten.

Mit dem Scheitern der Revolution war auch in Butzbach der „Traum von der Freiheit” ausgeträumt.

Mit der Pressefreiheit kam es zu einer Flut von politischen Karikaturen, die die Revolutionsereignisse und auch das parlamentarische Geschehen rund um die Frankfurter Paulskirche im Bild nüchtern, aber meist auch karikierend festhielten.

Der Butzbacher Nudelfabrikant Alexander Wilhelm Heil (1871-1952), ein begeisterter Anhänger Friedrich Ludwig Weidigs und überzeugter Demokrat sammelte in den 1920er und frühen 1930er Jahren Bücher und Druckgrafiken zu Vormärz und Revolution 1848/1849. So kam seine heute in Fachkreisen europaweit bekannte große Sammlung zusammen, die 1989 von der Stadt Butzbach für das Museum und Stadtarchiv erworben werden konnte. Die Sammlung A.W. Heil bildet einen besonderen Schatz der Butzbacher Sammlungen.

Sonderausstellung im Museum der Stadt Butzbach

Die Grafiken vermitteln einen guten Überblick über das revolutionäre Geschehen vor 170 Jahren in Deutschland. Die wichtigsten Grafiken sind neben besonderen Dokumenten in der am Dienstag, 24. Juli 2018, 19 Uhr, eröffneten Sonderausstellung, die bis zum 26. August 2018 zu sehen sein wird, zu sehen.

Eröffnung der Sonderausstellung
Dienstag, 24. Juli 2018, 19.00 h